Geboren am 22 Juni 1947, sechs Jahre nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion, sehe ich mich heute als Geschenk des Friedens.

Mein Vater Kostian stammte aus Tschernihiv (früher Tschernigow) in der Ukraine und er war beim KGB. Mehr ist über ihn nicht bekannt, weder Familienname, Geburtsdatum noch Familienstand.

Für meine Mutter war er damals die große Liebe, der Sieger und Retter.

Von meiner Großmutter hörte ich immer wieder, dass er ein „ guter Mensch“ gewesen war. Er rettete ihre Familie mit Lebensmittel- und Heizmittellieferungen über die erste schwere Zeit des Friedens hinweg.

Er organisierte alles mit einem Jeep und zwei jungen Soldaten, die die Schätze in die 2. Etage ihrer Wohnung schleppten. Auch für einen schwerkranken Nachbarn besorgte er die lebensrettenden Medikamente und niemand weiß woher.

Die Schwester meiner Mutter hatte eine Beziehung zu dem US Soldaten William.

Kostian und William gingen in der Wohnung meiner Großmutter ein und aus, sie besorgten Nahrungs-und Luxusmittel, fast im Wettstreit.

William war immer in Uniform und mein Vater immer in Zivil. Nie wurde er in Uniform gesehen, nur die Metallschnalle seines Ledergürtels wies einen Sowjetstern auf.

Er sprach fließend Deutsch und Englisch, daher fiel es William erst ziemlich spät auf, dass sein Freund Kostian Russe war.

Im Dezember 1946 verschwand Kostian spurlos und es kam das Gerücht auf, dass er verraten wurde. Meine Mutter machte sich mit ihrem Bruder zusammen vom Wedding nach Karlshorst zur russ. Kommandantur auf. Aber sie erfuhren nichts, nur dass auch zwei Freunde vom ihm verschwunden waren.

Nun stand fest, dass meine Mutter im 2. Monat schwanger war. Mit den Gedanken eines Schwangerschaftsabbruches beschäftigte sie sich, bis die Ärztin sie aufklärte, dass es dazu bereits zu spät sei.

Auch ihre Schwester war von William schwanger und so sahen beide jungen Frauen ihrer Niederkunft mit recht unterschiedlich gemischten Gefühlen entgegen.

Anfang Juni 1947 kam das amerikanische Baby zur Welt, was nach 3 Wochen an einem plötzlichen Kindstod verstarb. Ich kam gesund und fast 10 Pfund schwer im Rudolf-Virchow-Krankenhaus zur Welt. Vorwiegend wurde ich von meiner Tante gestillt, weil meine Mutter kaum Milch hatte.

 

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Im Juli heiratete die Tante ihren William und dabei fand auch meine Taufe statt, davon existieren sogar Bilder.

Die Schwestern machten einen Vertrag, wenn es nach West Virginia geht, würden mich der Onkel und die Tante mitnehmen. Allerdings bekam meine Mutter Bedenken und verschwand mit mir zu Verwandten aufs Land bis ihre Schwester abgereist war.

Das Brechen des Vertrages lag jahrelang zwischen den Schwestern, die Tante lebt heute noch und hat 3 Kinder zur Welt gebracht, mit denen ich in Verbindung stehe.

Das Verhältnis und die engen Wohnbedingungen, mit Mutter, Bruder und noch einer kleinen Schwester wurden immer unerträglicher und meine Mutter gab eine Anzeige auf „ Junge ledige Mutter mit Kind, suchte einen lieben Vater und Mann“.

Genau das was diese Anzeige ausdrückte, geschah dann auch. Ein an Körper und Seele recht unversehrter junger Mann, der gerade aus englischer Gefangenschaft kam, war sehr interessiert.

Meine Großmutter allerdings mochte diesen jungen Mann nicht und sie war auch nicht der Meinung, dass man wegen eines Kindes unbedingt heiraten musste. Sie, die seit 1932 verwitwet war und 5 Kinder allein groß zog, verstand ihre Tochter einfach nicht.

Im Juli 1948, ich war schon 1 Jahr alt, fand dann die Hochzeit statt und es gibt kein Bild auf dem ich dabei bin. Obwohl doch eigentlich nur meinetwegen geheiratet wurde.

Es wurde keine glückliche Ehe, es wurde eine Zweckgemeinschaft. 1950 kam ein Bruder, 1954 ein Bruder und 1956 eine Schwester zur Welt.

Ich hatte bis etwa zum 10. Lebensjahr eine unbeschwerte Kindheit, war oft bei meiner Großmutter, die allerdings böses Blut machte. Heute sehe ich es so, dass sie immer einsamer wurde und mich für sich behalten wollte.

Negative Erfahrungen in Hinblick auf meinem Erzeuger schnappte ich in der Familie meines Stiefvaters schon mal auf. Das Wort Russenbalg fiel, was mich aber innerlich nicht erreichte.

Ab meinem 11. Lebensjahr änderte sich die häusliche Situation schlagartig, da unsere Mutter ihr angeblich verpfuschtes Leben nur noch mit Alkohol ertrug.

Nun zog mich mein Stiefvater wohl recht hilflos auf seine Seite und ich wurde seine verständliche Große, die sein Idealbild von einer heilen Familie nach außen hin aufrecht erhalten sollte.

Es war eine große Belastung und Überforderung für mich, da ich gerade auch noch auf die Oberschule wechselte, die ich fast bis zum 16. Lebensjahr durchhielt und dann ohne ersehnten Abschluss verließ und sofort von Zuhause auszog.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meiner Kindheit und Jugend auch nur einen Gedanken an meinem Erzeuger verschwendet zu haben.

Erst als ich mich wegen einer schweren Herzphobie in analytischer Behandlung begab, kam was in Bewegung. Ich war derzeit selbst gerade im psychischen Bereich tätig, bereits seit 8 Jahren verheiratet und Mutter einer 6 jährigen Tochter.

Aus dankbarem Pflichtgefühl des Stiefvaters gegenüber, wollte ich nur mit meiner Mutter, die nun seit Jahren trocken war, über meinen Erzeuger reden.

Aber ich bekam zu hören, dass sie darüber nicht sprechen möchte, das rege sie zu sehr auf und es sei schon schwer genug für sie sich meinetwegenin dieser unglücklichen Beziehung zu befinden.

So wollte ich mich nicht abspeisen lassen und sie hielt mir noch vor, dass ich genauso „egoistisch“ sei wie mein Erzeuger, der sie damals im Stich gelassen hatte.

Da überkam mich ein Gefühl des Stolzes für diesen Vater und ich fühlte mich zum 1. Mal mit ihm verbunden.

Im Nachhinein kann ich ihre große Verliebtheit verstehen, aber ihre Naivität für die damaligen Verhältnisse ist für mich nicht nachvollziehbar.

1983 sollte endlich ihr Leben beginnen, die Kinder waren alle aus dem Haus und die Eltern zogen für 16 Jahre nach Bayern, da ihr die Enge der Stadt sowieso nach dem Mauerbau zu schaffen machte.

1998 zur Goldenen Hochzeit kehrten sie wieder zurück und 2003 starb meine Mutter und wir hatten das Thema „ Russenkind“ nie wieder aufgegriffen.

Ihren langjährigen Ehemann, sie waren 55 Jahre verheiratet, stieß sie noch nachmittags am Sterbebett von sich, was mir einen fürchterlichen Herzschmerz bereitete, und nicht nur mir.

Zur Beerdigung des Stiefvaters 2013 hatte unsere jüngste Schwester dem ev. Pfarrer von unserer Familiensituation (vielleicht auch auf eigenen Druck hin) erzählt und er hielt eine sehr aufklärende Rede am Sarg unseres Vaters, dass ich endlich den Rest meines Schuldgefühls versöhnlich ablegen konnte.

Ich war sehr erleichtert, hatte Zeit meines Lebens einen guten, wenn auch schwachen Stiefvater, es hätte schlimmer kommen können.

Auf meine Recherchen von 2004 an das russ. Militärarchiv in Moskau, bekam ich die negative Auskunft, dass man meinen Vater nicht ausfindig machen könnte. Dass das mit seiner Funktion beim KGB zusammenhängt, glaube ich schon.

Wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich heute mit fast 67 Jahren nicht mehr. Es ist die Geschichte meiner Mutter, das wird mir immer bewusster und ich habe unter ihrer Unfähigkeit sich der zu stellen genug gelitten.

Ich habe meinen Frieden als Geschenk gefunden.